Im Kleinbahnhof ist der Wurm drin

Geschrieben am um 19:08

Der Gebäudeverantwortliche im Kleinbahnverein Carsten Müller zeigt ein marodes Stück Holz aus dem Fachwerk des Bahnhofsgebäudes. Wie rechts zu erkennen, findet man Andreaskreuze im Kleinbahnhof Magdeburgerforth auch im Fachwerkgebälk. Foto: Stephen Zechendorf

Am vergangenen Wochenende fand nicht nur der traditionelle Herbst-Fahrtag zur „Süßen Tour“ statt, parallel haben auch einige Mitglieder fleißig gearbeitet: seit wenigen Wochen läuft ein neues Förderprojekt. Mit EU-Unterstützung kann ein weiterer Abschnitt der Fassade des Hauptgebäudes saniert werden. Unterstützende Arbeiten finden in Eigenleistung statt. Im Jahr 2027 wird als Teil des Projekts auch das Toilettenhaus auf dem Gelände saniert werden. Die „Volksstimme“ (Lokalteil Burg) berichtet zu diesem Anlass – mit freundlicher Genehmigung des Autors darf der Beitrag an dieser Stelle wiedergegeben werden.

Im Kleinbahnhof ist der Wurm drin

Wenn sich im Museumsbahnhof die Balken biegen, rettet der Kleinbahnverein Magdeburgerforth nicht nur Dampfloks vor dem Verfall. Wieso auch 6Oer-Jahre Klosetts vom Denkmalschutz profitieren können.

Von Stephen Zechendorf

Magdeburgerforth ● Wenn die Mitglieder des Kleinbahnvereines Magdeburgerforth „750 Millimeter“ hören, geht ihnen das Herz auf – handelt es sich doch um die Spurweite ihrer Traditionsbahn. Senkt sich jedoch das alte Fachwerkgebälk des vereinseigenen Museumsbahnhofes auch nur um ein Zehntel von 750 Millimetern, treten den Schmalspur-Freunden Schweißperlen auf die Stirn. Nun zeigt sich, dass Kleinbahner nicht nur rollende Denkmäler aus Stahl erhalten, sondern auch die historischen Gebäude in der Forststraße. Das denkmalgeschützte Gebäudeensemble in Magdeburgerforth war am zurückliegenden Samstag wieder Ziel zahlreicher Familien und Eisenbahnfans. Anlässlich des Zuckerrüben-Aktionstages „Süße Tour“ hatte der Kleinbahnverein zur Sonderfahrt mit dem Traditionszug eingeladen. Denn auch die Rübe wurde früher mit solchen Kleinbahnen transportiert. Der Bahnhof Magdeburgerforth kann in diesem Jahr seinen 130. Geburtstag feiern.

 

Ohne ihr Ehrenamt rollt in Magdeburgerforth nichts: Andreas Kube, Alexander Schmidt, Carsten Müller, Niklas Kranert (v. li.). Foto: Stephen Zechendorf

Wespennester im Gebälk 

Statt Rüben erblickten die Besucher am Samstag allerdings zahllose Ziegelsteine und Bauholz rund um das Bahnhofsgebäude, welches in den Jahren 1895/1896 errichtet worden ist. Grund für die Baustoffansammlung ist die seit September laufende Sanierung einer Fachwerkwand des Bahnhofsgebäudes. „Sieben Zentimeter hat sich ein maroder Balken nach unten gebogen“, berichtet Carsten Müller, er ist Gebäudeverantwortlicher im Kleinbahnverein. „Wir haben in der Zwischengeschossdecke große Wespennester entdeckt. Auch Vögel gelangen durch die löchrigen Fugen ins Innere.“

Der schmucke, aber eben auch alte Fachwerkbau mit seiner einladenden Veranda beherbergt neben Bistro und Ausstellung auch Vereinsräume sowie eine Wohnung im Obergeschoss. Wie auch andere Gebäude auf dem Gelände steht das Haupthaus unter Denkmalschutz. Das stellt einerseits besondere Herausforderungen an eine Sanierung, bietet aber auch Chancen: Für die insgesamt etwa 152.000 Euro teure Maßnahme erhielt der Verein unlängst eine 75- prozentige EU-Förderung aus dem EFRE-Programm.

Und noch eine weitere Sanierung kann aus den EFRE-Fördermitteln bestritten werden: das Toilettenhäuschen soll barrierefrei werden. Obwohl der 60er-Jahre-Bau aus Zeiten des ehemaligen Reichsbahnkinderferienlagers stammt, ist der Sanitärtrakt doch Bestandteil des Gesamtdenkmal-Ensembles. „Der Umbau des Toilenenhauses wird uns noch das ganze Jahr 2027 beschäftigen, weil dann viel Eigenleistung erfolgen wird“, sagt Carsten Müller. Das Fachwerk der Wetterseite des Hauptgebäudes soll dagegen noch in diesem Jahr vollendet werden.

Immer an die Statik denken

Seit Anfang September wurden abschnittsweise an jenen Fächern die alten Ziegelsteine herausgenommen, an denen das Holz erneuert werden musste. „Es war nicht wenig, was an maroden Balken gewechselt werden musste“, berichtet Carsten Müller. „Das ist ein sehr fragiles Unternehmen. Man muss das Gebäude immer wieder absichern, die Statik beachten und die Last abfangen.“

Die Vorgabe des Denkmalschutzes sei größtmöglicher Bestandserhalt gewesen. Auch die neuen Ziegelsteine, die als Ergänzung zu den alten Backsteinen verwendet werden, mussten von der Unteren Denkmalschutzbehörde beim Landkreis Jerichower Land erst genehmigt werden. Seit dieser Woche wird die Fassade des Bahnhofsgebäudes wieder zugemauert. Der Verein leistet hier überwiegend Hilfsarbeiten.

Im Führerstand der zweiten Vereins-Diesellok. Was aussieht wie ein Lenkrad, ist tatsächlich die Gangschaltung. Foto: Stephen Zechendorf

Ein besonderer Fahrgast

Doch es gibt auch so genug zu tun auf dem Museumsbahnhof: Vor Kurzem konnte nach langer Arbeitsphase der Motor wieder in die zweite Vereins-Diesellok eingebaut werden. „Noch am selben Abend hat die Lok 199 041 „Lotte“ testweise wieder die ersten Meter aus eigener Kraft zurückgelegt“, informiert der Vereins-Vize-Vorsitzende Benjamin Ebrecht: „Bei diesen Arbeiten im Rahmen einer Hauptuntersuchung ist besonders die Vereinsjugend engagiert.“ Im nächsten Jahr solle die Lok ihre Abnahme erhalten und dem Betriebsdienst wieder zur Verfügung stehen. Zunächst als Reserve. Im Jahr 2028 übernimmt sie den Staffelstab von der derzeit eingesetzten Diesellok 199 042, wenn deren Fristen auslaufen und auch an ihr eine Hauptuntersuchung ansteht, für die der Verein absehbar einige Zeit benötigen werde.

Wenn der Magdeburgerforther Traditionszug am 5. Dezember zu seiner letzten Sonderfahrt in diesem Jahr startet, wird ein besonderer Fahrgast erwartet. Denn es ist
die traditionelle „Nikolausfahrt“, zu der junge und erwachsene Fahrgäste erwartet werden. Los geht es um 13 Uhr.

Erste Fahrt mit Dampfkraft

Am 4. April 1896 wurde er als Station der Kleinbahn von Burg nach Groß Lübars und Ziesar für die „Beförderung von Personen und Gütern mittels Dampfkraft“ eröffnet. Doch nach rund 70 Jahren war Schluss, die Strecke wurde am 25. September 1965 stillgelegt. Es sollte weitere 40 Jahre dauern, bis der Traditionsverein Kleinbahn des Kreises Jerichow I im Jahr 2005 das Areal erwarb, um die Wiedereinrichtung der Strecke nach Altengrabow als Museumsbahn in Angriff zu nehmen.

Der Beitrag ist ebenfalls digital bei der „Volksstimme“ erschienen: https://www.volksstimme.de/lokal/burg/130-jahre-alter-bahnhof-in-gefahr-was-hinter-der-uberraschenden-grosssanierung-der-museumsbahn-steckt-4338283

www.kj-1.de   •   
©2000-2014 Traditionsverein Kleinbahn des Kreises Jerichow I e.V.
Forststraße 6
39291 Magdeburgerforth